False friends and new friends

Wir sammeln keine Steine. Wir sammeln Erinnerungen und packen uns Geschichten in unsere Koffer. Wie diese über false and new friends.


.. Nachdem wir nach 14-stündiger Fahrt mit allen erreichten Anschlüssen trotz verspäteter Fähre in Dover müde und glücklich spätabends an unserem scheinbaren Zielort unseres Haustausches im Sommer 2022 in Südengland angekommen waren, wurden wir von der Realität eingeholt.


Kurz vor Mitternacht standen wir mit unserem Gepäck im Dunkeln auf einem viel zu kleinen Bahnhof mitten im Nirgendwo, genannt Southbourne. Fast am Zielort unserer Reise, von dem entfernt es noch ein 20-minütiger Fußmarsch wäre, falls keine Busse mehr fahren würden.


Beim Blick auf Google Maps stellen wir jedoch erschrocken fest, dass sich diese 20 Minuten von Southbourne nach Christchurch als eintägiger Fußmarsch und ob der Uhrzeit als 6-stündige Zugfahrt, beginnend im Morgengrauen, gestalten würden.

Die aufkommende Panik ließ sich nur durch den Unglauben, dass dies gerade wirklich passierte und ich mich alleine mit zwei Teenagern samt vier Koffern, 3 Rucksäcken und zwei Taschen mitten in der Pampa befand, bremsen. Die Frage nach einem Busanschluss oder einem Taxi, selbst nach einem Hostel, schien angesichts der überkommenen Dunkelheit der Abgelegenheit des Bahnhofs lächerlich. Ein Blick neben den Bahnsteig bestätigte diese Vermutung. Was also tun?!


Plötzlich stand eine Frau mit ihrer fast erwachsenen Tochter auf der anderen Seite des Bahnsteiges, gerade aus dem vorbeifahrenden Zug ausgestiegen. Dieser fuhr so schnell weiter, dass wir nicht handeln konnten. Wir fragten sie vorsichtshalber nach einem nächsten Zug, Bus oder Taxi. Sie verneinte.


Noch immer ungläubig, sahen wir uns an. Da sagte sie: „Ihr könnt mit mir mitkommen. Wir sind nur zu zweit und wohnen fünf Minuten von hier. Ihr könnt bei uns übernachten. Es gibt nur uns, keinen Mann.“ Dankend lehnte ich ab. Es würde sich bestimmt noch eine Alternative finden und sie meinte ihr Angebot sicherlich nur als nette Geste.


Nach mehrminütigen Überlegungen zeigte sich jedoch, dass es keine andere Lösung gab und sie ihr Angebot wirklich ernst meinte.


Wir nahmen also unsere Koffer und Taschen und folgten ihr ungläubig in die Dunkelheit des Ortes. Eine Triggersituation, in der uns nichts anderes übrigblieb als zu vertrauen. Das altbekannte Sprichwort: „Gehe nie mit Fremden mit“ im Ohr. Was nun aber, wenn sich der:die Fremde als neue:r Freund:in entpuppte? Müssten wir dann unser ganzes Konzept unserer Weltanschauung ändern? Ist die Welt vermutlich doch kein, zumindest nicht nur, ein böser und gefährlicher Ort? Schon Detlef Esslinger postulierte in seinem als Abitur-Klausurtext verwendeten Artikel: „Ein rasend flüchtiges Gut“ vom 17. Mai 2010 in der Süddeutschen Zeitung: „Ohne Vertrauen geht gar nichts.“ Auch Dr. Merkle sagt im Online-Text: „Wer nicht vertraut, findet kein Vertrauen.“ Und Marcus Jauer stellt in Die ZEIT vom 31.05.2020 die rhetorische Frage: „Wird schon gut gehen, oder?“


Ich dachte also an Situationen, in denen sich Vertrauen in Fremde auszahlte. Mehr übrigens als in Familienangehörige oder Freunde. Ich erinnerte mich an den Jakobsweg mit meinen damals 3- und 5-jährigen Töchtern, die ich im Fahrradanhänger durch Frankreich und Spanien schob. Am Fuße der Pyrenäen lud uns ein Mann samt Fahrradanhänger in sein Auto und fuhr uns bis zum Gipfelkamm hoch. Ein zweites Mal passierte das in einer Stadt von A nach B. Gleichzeitig dachte ich aber auch an unsere Nachtfahrt im Zug durch Frankreich zum Beginn unserer Pilgerreise in Saint Jean Pied de Port. Glücklich über unser Schlafabteil wachte ich nachts im oberen Doppelstockbett des verschlossenen Abteils auf, als mir jemand unsere Ausweise wiedergab, die sich in meiner Gürteltasche am Kopfende befunden hatten. Der Mann meinte, sein Freund hätte sie gestohlen und er möchte sie mir gerne wiedergeben. Es fehlte nichts: weder Ausweise, noch Geld. Ich war so erschrocken, dass ich wie eine Verrückte durch den ganzen Zug schrie: „Tu est fou, ou quoi??!“ Wenig später tauchte plötzlich die Polizei auf und bestätigte, dass sich Trickbetrüger im Zug aufhalten würden. Ich mochte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn sie nicht unsere Wertsachen, sondern meine beiden kleinen Mädchen entwendet hätten..


Also gingen wir mit der Frau und deren 17-jähriger Tochter mit. Wir erfuhren, dass ihre Tochter in Hamburg geboren wurde, sie dort zwei Monate mit einem Alliierten wohnte und dann nach GB gegangen ist. Ihr Bruder wohne noch immer bei Hannover, sie hätten ihn vor zwei Jahren das letzte Mal besucht. Zudem arbeite sie als Erzieherin, was mich offensichtlich beruhigte.


Zum Sprechen zu müde warteten wir in ihrem Wohnzimmer, bis sie ein Zimmer für uns hergerichtet hatte. In ein wenig Smalltalk versuchten wir mit der Tochter herauszufinden, warum wir uns so verirrt hatten. Ich konnte es mir nur mit einem nicht funktionierenden Google-Maps-System erklären.


Ungläubig führte uns die Frau zehn endlose Minuten später in ihr eigenes Schlafzimmer, welches sie uns mit drei Betten und weißer Bettwäsche hergerichtet hatte und sich über die Unbequemlichkeit des zweiten Ersatzbettes entschuldigte, was sich als nicht zutreffend herausstellte. Wir trauten uns kaum, mit unseren verschwitzten Körpern und Kleidern etwas in ihrem sauberen Haus anzufassen und uns in ihr bequemes großes Bett zu legen. Dennoch fielen wir in diese weichen Betten, ohne unsere im Erdgeschoss stehenden Koffer zu öffnen, ohne uns zu waschen, umzuziehen, Zähne zu putzen, abzuschminken und gar ohne Abendbrot. So fühlte es sich also an, kurzzeitig homeless zu sein, angewiesen auf die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft völlig fremder Menschen.


Im Bett liegend grübelten wir, weshalb ich mich so in der Entfernung und mit dem weiteren Anschluss geirrt hatte, das war uns noch nie passiert. Zoé schlug mir vor, nochmals die Karte mit unserem Haus auf der Haustausch-Seite anzusehen. Schließlich kamen wir meinem Irrtum auf die Spur: Es gibt zwei gleichnamige Orte im Süden Englands, zwei Southbourne, (mit Auto) nicht weit voneinander entfernt. Wir hatten unser online-Ticket zum falschen namensgleichen Ort gebucht, welcher trotz seiner geringen Größe der Hauptträger dieses Namens ist. Unser gesuchtes Southbourne bildet lediglich eine Art Vorort zu Bournemouth, durch welchen wir unser eigentlich gesuchtes Christchurch erreichen wollten. Beruhigt und auch ungläubig über die Auflösung dieses Rätsels schliefen wir ein.


Am nächsten Morgen verließen wir früh das Haus, nicht ohne uns zu verabschieden und unsere Adresse, verbunden mit der Einladung, uns doch einmal in Heidelberg zu besuchen, dazulassen. Darüber freute sie sich und entgegnete: „Ihr würdet sicherlich das Gleiche für uns tun.“ Hoffentlich, dachte ich. Hätte ich mich das wirklich getraut?


Am Bahnhof bestätigte der Ticketverkäufer am nächsten Morgen die gängige Verwechslung beider Orte, diese Woche seien bereits fünf Person davon betroffen gewesen, zuletzt ein junger Mann, welcher mit Surfbrett unter dem Arm ausstieg und ihn nach dem Weg zum (nicht vorhandenen) Strand fragte.


Müde und froh fuhren wir also 1,5 Stunden Richtung Meer zu unserem gesuchten Ort des Haustausches.


Happy end with false and new friends.


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